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Bericht aus Sierra Leone

23.02.2018

Kinderarzt Thomas Schroeter berichtet über seinen German Doctors-Einsatz bei der pädiatrischen Versorgung im ländlichen Sierra Leone.

 German Doctors-Einsatz bei der pädiatrischen Versorgung in Sierra Leone.Bild: GermanDoctors
Teilweise müssen schwer mangelernährte Kinder betreut werden

Sechs Wochen arbeite ich in Serabu in einer Klinik, die nach ihrer kompletten Zerstörung im Bürgerkrieg vor 20 Jahren seit 2011 finanziell und personell von den German Doctors (www.german-doctors.de) unterstützt wird.

In Sierra Leone ist gerade Regenzeit, und die 12 Betten der Kinderabteilung sind doppelt belegt mit schwerkranken Kindern. Sie leiden jetzt vor allem an Malaria in ihrem Vollbild mit Fieber, schwerer Anämie (Hämoglobin-Werte von 2–3 g/dl sehen wir fast täglich), Hypoglykämie und cerebralen Krampfanfällen. Ihnen kann hier zum Glück oft gut geholfen werden mit Antimalaria-Medikamenten und Bluttransfusionen. Daneben betreut der Community Health Officer (CHO) überwiegend Kinder mit Pneumonien, schwerer Mangelernährung oder massiver Exsikkose bei Gastroenteritis.
Meine Aufgabe besteht vor allem in der pädiatrischen Ausbildung dieser CHOs. Nach einer dreijährigen Basisausbildung stellen sie das Rückgrat der medizinischen Versorgung im gesamten Land, die wenigen einheimischen Ärzte konzentrieren sich in der Hauptstadt Freetown. Neben dem täglichen bed-side-teaching und regelmäßigen Fortbildungen für die CHOs der gesamten Klinik versuche ich auch, das Pflegepersonal zu unterrichten, das meist nur über eine basale einjährige Ausbildung verfügt.
Auf der 8-Betten-Neugeborenenstation liegen dystrophe Neugeborene, Frühgeborene ab SSW 29/30 sowie Kinder mit neonataler Infektion.
Es ist schön zu sehen, wie oft trotz sehr einfacher Bedingungen auch untergewichtige Neugeborene mit nur 1000 g Geburtsgewicht mittels Kangoroo mother care und teilweise mit einfacher Sauerstoff - insuffl ation überleben können. Wenn sie dann mit einem Gewicht von 2000 g entlassen werden, wird jeweils eine kleine Party mit Luftballons und Musik gefeiert. Auf der Normalstation mit 30 Betten schließlich werden Kinder mit  Wundheilungsstörungen, Abszessen, dem hier häufigen Nephrotischen Syndrom oder schwerer Mangelernährung im Rahmen eines „feeding programs“ behandelt. Daneben gibt es eine gut frequentierte „Under-Five-Clinic“ für Impfungen, Gewichtskontrollen und Mütterberatung. Ein HIV- und Ernährungsprogramm komplettieren das Angebot.

Größere Notfall-Operationen, z. B. bei Typhus-bedingten Darmperforationen, sind hier durch spezialisierte Chirurgie-CHOs zwar durchführbar, allerdings ist die postoperative Behandlung nicht immer angemessen möglich. Laboruntersuchungen sind nur eingeschränkt verfügbar und gelegentlich kommt es zu Lieferengpässen der sog. „essentiellen Medikamente“. Daneben muss man immer wieder mit interkulturellen Missverständnissen zwischen den Vertretern „westlicher“ Medizin und dem einheimischen Personal sowie den Patienten rechnen. Eine unklare und in unserem Verständnis nicht immer segensreiche Rolle spielen auch die traditionellen Heiler, die oft primär konsultiert werden.

Sierra Leone gilt als eines der ärmsten Länder der Welt und wurde zusätzlich durch die Ebola-Epidemie 2014 schwer getroffen. Die Sterblichkeit von Kindern unter 5 Jahren ist mit 120 pro 1000 Lebendgeborene massiv und 40-fach höher als in Deutschland. Dies spürt man auch hier, wo täglich 1–2 Kinder versterben. Entweder erreichen diese die Klinik wegen der schwierigen Transportwege viel zu spät oder die im Vergleich deutlich eingeschränkten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten reichen nicht aus. Dies ist für die Mitarbeiter und uns eine nicht geringe psychische Belastung.

Am bedeutsamsten ist aber für mich, dass hier vielen schwerkranken Kindern geholfen werden kann. Es macht Freude, den Müttern nach erfolgreicher Malariabehandlung die kleine gelbe Entlassungskarte ihrer Kinder auszuhändigen. Ich finde es beeindruckend, welche Behandlungsmöglichkeiten – auch in Geburtshilfe, Chirurgie und Innerer Medizin – hier in nur wenigen Jahren aus dem Nichts entstanden
sind. Die Menschen nehmen diese Klinik immer stärker an und die Behandlungsergebnisse verbessern sich stetig. Ich halte dies für ein sehr sinnvolles Projekt und hoffe, dass es sich in Zukunft weiter entwickeln lässt. Der Schwerpunkt könnte auf der strukturierten Fortbildung des Personals sowie auf vermehrter Übergabe von Verantwortung an einheimische Mitarbeiter liegen.

Dr. Thomas Schroeter
Kiel