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Pädiatrie beim „Runden Tisch Reduktionsstrategie“

09.07.2018

Die DGKJ nahm am Runden Tisch für eine nationale Reduktionsstrategie im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft teil und diskutierte zu möglichen Maßnahmen für deren Umsetzung.

Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag zu einer Reduktion der Gehalte von Zucker, gesättigtem Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln und in Getränken verpflichtet: „Für die Nationale Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten werden wir 2018 gemeinsam mit den Beteiligten ein Konzept erarbeiten, und dies mit wissenschaftlich fundierten, verbindlichen Zielmarken und einem konkreten Zeitplan versehen.“ Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner lud Verbände der Lebensmittelwirtschaft und Fachgesellschaften zu einem „Runden Tisch“ zur Diskussion möglicher Schritte ein. Die Kinder- und Jugendmedizin war durch Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), und Prof. Berthold Koletzko, den Vorsitzenden der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) vertreten.

Bundesministerin Klöckner unterstrich, dass hinsichtlich einer Reduktion gesundheitlich nachteiliger Bestandteiler in Lebensmitteln nicht das „ob“ sondern nur das „wie“ zu diskutieren sei, nachdem viele Studien in Deutschland übereinstimmend einen unerwünscht hohen Verzehr an Zucker, gesättigtem Fett und Salz dokumentieren. Sie strebt quantitative Festlegungen von zu erreichenden Zielen an (z. B. nicht mehr als 2 % Salz in Brot) und setzt sich für ein Monitoring durch das Max-Rubner-Bundesinstitut ein. Prof. Pablo Steinberg, Leiter des Max-Rubner-Institutes (MRI), unterstrich mit den Daten eigener Untersuchungen die Notwendigkeit und praktischen Möglichkeiten für verbesserte Produktgestaltung. So enthielten im Jahr 2017 untersuchte Frühstücksflocken/–zerealien für Erwachsene einen oft viel zu hohen Zuckergehalt (1,5 bis 35 g/ 100g), noch deutlich höher war der Gehalt ausgerechnet in für Kinder angebotenen Frühstücksflocken (14,9-43 g Zucker/100 g Produkt). Nach Untersuchungen des MRI können  Produkte mit höherem Ballaststoff- und geringerem Zuckergehalt hergestellte werden ohne die Produkteigenschaften zu beeinträchtigen. Viele Verbände der Lebensmittelwirtschaft äußerten sich in der Diskussion jedoch zurückhaltend und zeigten wenig Bereitschaft zu einer Festlegung auf quantitative messbare Fortschritte. In verschiedenen Arbeitsgruppen, an denen sich auch BVK und DGKJ beteiligen, sollen in den kommenden Monaten einzelne Themen wie u.a. Speziell an Kinder gerichtete Lebensmittel, Zuckerreduktion in zuckergesüßten Erfrischungsgetränken, Energiebilanz und Monitoring bearbeitet werden.

BVKJ und DGKJ begrüßten das Eintreten der Ministerin für eine deutliche und messbare Reduktion von Zucker, gesättigtem Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln bzw. Getränken. Sie betonten, dass Kinder und junge Familien eine besonders wichtige Zielgruppe für eine wirksame Gesundheitsförderung sind. Eine Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten und -praxis hat im Kindesalter große präventive Chancen und Wirkungen, denn im Kindesalter werden Geschmackspräferenzen und Ernährungsgewohnheiten geprägt und gefestigt, die lebenslang beibehalten werden. Somit ist die frühe Gewöhnung an eine gesundheitsfördernde Speisen- und Getränkeauswahl von sehr großer Bedeutung für die langfristige Gesundheit der Bevölkerung insgesamt, und damit auch für die Begrenzung der mit ernährungsabhängigen Krankheiten verbundenen, hohen gesellschaftlichen Kosten. BVKJ und DGKJ erklärten ihren Standpunkt, dass eine Reduktionsstrategie nur im Verbund mit einer klaren und einfachen Kennzeichnung der Produktqualität auf der Packungsvorderseite erfolgreich sein kann. Eine solche Kennzeichnung muss auf wissenschaftlich akzeptierten Grundlagen beruhen, und einfach und auf einen Blick verständlich sein, um auch Hochrisikogruppen wie bildungsferne Familien zu erreichen. BVKJ und DGKJ sprachen sich gemeinsam mit der Deutschen Adipositasgesellschaft und der Deutschen Diabetes Gesellschaft für die generelle Einführung des in Frankreich bereits etablierten NutriScore auch in Deutschland aus, welcher all diese Anforderungen erfüllt. Gleichzeitig forderten die pädiatrischen Organisationen die Ministerin auf, die Einführung von für Verbraucher irreführenden Produktkennzeichnungen - wie die von den Unternehmen Coca-Cola, Mondelez, Nestlé, Unilever und PepsiCo propagierte „Industrieampel“ - zu unterbinden. Viele Kinder- und Jugendärzte empfehlen Familien bereits, kostenlose Nähwertinformations-Apps (z. Bsp. die Open-Food-Facts-App) auf ihr Mobilgerät herunterzuladen und damit beim Einkauf den Barcode von Lebensmitteln zu scannen, wobei der NutriScore erscheint und eine einfache Auswahl der für die Gesundheit der Kinder und der ganzen Familie besseren Produkte möglich wird.

Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der DGKJ